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Jahresbericht

Jahresbericht 2009 (in Auszügen)

Amoklauf und TelefonSeelsorge – oder: Unsere stille Gewaltpräventionswirkung

Im Nachklang zu den Amokläufen in Winnenden und Ansbach gab es viele Echos, Erklärungsversuche und Schuldzuweisungen. Die Medien, die Schützenvereine, die Eltern, die Politik – viele mussten herhalten, um als Verantwortliche dingfest gemacht zu werden. Was ich erschreckend dabei finde, ist die Grausamkeit und Überheblichkeit der Schuld- Delegation. Merkwürdig: Die Gesellschaft und viele einzelne haben sich verabschiedet von dem Glauben an Gott als den, vor dem wir unser Tun und Lassen zu verantworten haben. Im selben Atemzug schwingen Menschen sich zu Richtern über andere Menschen auf. Da ist mir die Alternative des Blicks auf Gott menschlicher, klarer, glaubwürdiger. Denn diese Sicht anerkennt, dass jede und jeder von uns nicht nur gute Seiten hat. Nüchtern muss ich eingestehen, dass destruktive, unkontrollierte, böse Elemente auch zu meinem Selbst gehören. Das Liebesgebot „Liebe den Nächsten wie Dich selbst“ heißt in dieser Situation konkret: Finde einen Zugang zum anderen ohne Überheblichkeit, ohne Gutmensch-Sein, in der Solidarität des Angewiesenseins auf eine Güte, die größer und lauterer ist als meine. Solch’ eine Haltung heißt Barmherzigkeit.

Viele Fachleute nutzten den Aufschrei nach den Amokläufen, um auf die Wichtigkeit ihrer Berufsgruppe aufmerksam zu machen: Schulpsychologen, Schulsozialarbeiter, Vertrauenslehrer, Trauma-Nachsorge-Psychologen. Und TelefonSeelsorge? Unwahrscheinlich, aber möglich, dass ein Amokläufer am Telefon seine Tat ankündigt. Viel häufiger ist unser Platz der TelefonSeelsorge ein anderer: Menschen in Isolation und Einsamkeit rufen uns an, immer mehr Jugendliche berichten von Ausgrenzung und Mobbing, so manche besorgte Mutter wendet sich an uns, weil ihr Kind sich in Computerwelten vergräbt und es kaum noch Kontakt zwischen den Generationen gibt. Die Zahl der psychisch Schwerstbelasteten, Austherapierten, im Leben gescheiterten Anrufer wächst ständig. Sie fordern uns sehr, denn wenig Bewegung, wenig Dialogfähigkeit, schon gar nicht Besserung des Befindens oder gar Heilung nehmen wir bei ihnen wahr. Sie zählen daher nicht gerade zu unseren beliebtesten Anrufenden. Könnte es aber nicht sein, das lehrt der Blick auf die Amokläufe, dass unser Dienst ein Baustein dafür ist, dass Menschen nicht völlig sich abkapseln, dass ihr Lebensstillstand nicht zur Abwärtsentwicklung wird, dass an die Stelle eines bei uns oft ritualisiert wirkenden Kontaktes nicht tödliches Verstummen tritt?

In der Fachsprache nennt man diese Funktion der TelefonSeelsorge „Prävention“. Auf dem Hintergrund eines christlichen Menschenbildes nenne ich die Haltung von uns diesen zuweilen nervenden, unbequemen Anrufenden gegenüber: Barmherzigkeit.

Barmherzig diesen Menschen zu begegnen heißt nicht, als TelefonSeelsorge alles mit sich machen zu lassen. Barmherzig sein heißt, ihnen authentisch gegenüberzutreten, Schwarzes schwarz und Weißes weiß zu benennen – im Wissen, dass der andere nicht nur schwarz ist und ich nicht nur weiß bin.

TelefonSeelsorge ist leise. Gut so. Unsere leisen Töne sind wirksam, bewahren wir doch Menschen vor Schlimmerem.

Olaf Meier

 

 

 

Wer mehr über die inhaltliche Arbeit der TelefonSeelsorge, und die Zahlen des Jahres 2009 wissen möchte, der findet den vollständigen Bericht hier. (Acrobat Reader herunterladen)

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